Schlagwort: modegeschichte

Vintage Fashion – Gianni Versace Retrospektive im Kronprinzenpalais Berlin

Vintage Mode, das ist ja nicht nur die Mode der 20er, 40er oder 60er Jahre, auch die 80er Jahre gehören dazu. Und nicht nur diejenigen unter uns, die damals schon bewusst dabei waren, wissen ganz genau, dass die 80er mit ihren Schulterpolstern und Tellerröcken nicht nur die 40er und 50er Jahre zitiert haben, sondern daneben und darüber hinaus auch einen ganz eigenen Stil entwickelten. Dazu gehört neben den schon erwähnten Schulterpolstern viel Schwarz gemischt mit Knallfarben, viel Grafik auf Stoff, viel Kantiges und Schroffes, luxuriöse Materialien, Glanz und Glitter. Nicht umsonst waren Fernsehserien wie “Dallas” oder “Dynasty” (“Der Denver-Clan”) damals auf der Hitliste der TV-Serien ganz weit oben angesiedelt.

Und natürlich gehören zur Mode der 80er Jahre die großen Designer, die diese Zeit geprägt haben. Jil Sander und Giorgio Armani (erinnert sich noch jemand an ‘American Gigolo’, mit dem Richard Gere groß rauskam? Armanis große Stunde …), die für edle, monochrome Stoffe und schlichte, elegante Linien standen. Und dann Gianni Versace, der die andere Seite des Spektrums bediente.

Wo Sander und Armani in Variationen von Beige, Taupe und Grau schwelgten und vermutlich noch ein paar Farbschattierungen in diesem Bereich dazu erschufen, bevorzugte Versace starke Kontraste: grellbunte Farben gegen Schwarz, fließende Seidenstoffe gegen festes Leder. Das war vielleicht die einzige Gemeinsamkeit der großen Modeschöpfer der 80er Jahre: Die Materialien. Edel mussten sie sein. Kaschmir, Seide, weiches Leder. Wo die Kollegen sich allerdings eher in vornehmer Zurückhaltung übten, ging Versace in die Vollen. Bunte Drucke auf seidenen Hemden (war er eigentlich der Erste, der so etwas wie Comics auf Hemden und Shirts abbildete?), wilde Kombinationen von Raubtiermustern und Floralem, dazwischen schottische Karomuster, die an Schuluniformen erinnern. Und immer wieder Leder: In Schwarz, geschnürt, mit Schnallen. Kontraste eben, das Bunte und das Dunkle, Überschwang und Dämpfung, Zartes und Hartes. Herausforderung pur. Ein Psychologe hätte sicher seine Freude daran.

In Berlin hatte Versace 1994 das erste Mal eine Ausstellung, zu einer Wiederholung kam es nicht, drei Jahre danach wurde er ermordet.  Jetzt, gut zehn Jahre nach seinem Tod, wird hier erneut seine Mode gezeigt, in einer Retrospektive mit Modellen aus den 80er und frühen 90er Jahren. Und wunderbarerweise habe ich es geschafft hinzugehen.

Faszinierend ist so ein Ausflug in die Modegeschichte immer, und selbst zu sehen, wie Stoffe, Farben und Schnitte bei einem Kleid, einem Anzug wirken, wenn sie direkt vor einem stehen, stellt einfach jede Abbildung in den Schatten. Anders als bei Jil Sander und Armani, deren Modelle – abgesehen von den Schnitten – irgendwie zeitlos wirken, scheint mir keiner so sehr die 80er und auch noch die frühen 90er Jahre zu repräsentieren wie eben Versace. Die Herrenhemden mit den überbreiten Schultern, den schmalen Taillen, die Designs, in denen sich Hermès-Tücher mit Hawaiihemden gepaart zu haben scheinen – genau so oder doch so ähnlich war es damals überall zu sehen. So zeigten es uns Madonna, Elton John und natürlich die Supermodels Claudia Schiffer, Naomi Campell und all ihre Kolleginnen. Im Fernsehen, im Kino, in den Zeitschriften, teilweise auch auf der Straße. Die 80er Jahre, das war Versace mit all dem Luxus, der grellen Buntheit, den harten Kontrasten. Und eben weil die Mode so typisch ist für jene Zeit, wirkt sie heute vielleicht so ‘dated’. Damals im Überfluss überall präsent, wurden die bunten Drucke und die gewagten Kombinationen vielfach kopiert, und eben deswegen entsteht vielleicht auch das Gefühl, das alles genau so schon einmal gesehen zu haben. Wenn nichts eine Epoche so eindeutig definiert wie die Mode, die zu der Zeit getragen wurde, dann definiert eben auch nichts so sehr die Mode, wie die Zeit, in der sie entstanden ist.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Die Retrospektive ist noch bis 13. April zu sehen im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3 in 10117 Berlin

Stricken in schwierigen Zeiten — die 1930er und 40er Jahre — Teil IV

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Wir waren stehengeblieben bei den Wegen, die die Garnhersteller einschlugen, um möglichst viele Kunden an sich zu binden …  (für die Vorgeschichte bitte Teil III nachlesen 😉 Danke!)

Designer:

Zur selben Zeit waren die ersten bedeutenden Designer für Strickmode auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. Sie haben Klassiker gefertigt, die heute noch beliebt und gefragt sind. Zum Beispiel der Pulli mit dazu passender Jacke, den Otto Weisz 1934 für das schottische Label Pringle entworfen hat, eine Kombination, die heute als Twinset bekannt ist. Vor allem in den 1950er Jahren und dann wieder in den 80ern war das Twinset häufig zu sehen, entworfen aber wurde es in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.

Leider ist über Otto Weisz so gut wie nichts mehr bekannt, die Zeit hat ihn quasi verschluckt. Andere Designer aus jener Zeit dagegen sind auch heute noch ein Begriff. Die bekannteste von allen war wohl

Gabrielle ‘Coco’ Chanel

Chanel
Über Gabrielle Chanel sind inzwischen einige Filme gedreht worden, und noch mehr Bücher sind über sie erschienen, trotzdem hier noch einmal ein paar der wichtigsten Daten, so weit es ihre Rolle als Strickdesignerin betrifft.

Chanel arbeitete als Näherin und hatte ein Geschäft für Hutmoden. Damit bewegte sie sich durchaus in einem für Frauen als angemessenen betrachteten Berufsbereich – aber Chanel wollte und konnte mehr. Sie war in mehr als einer Hinsicht bereit, die ausgetretenen Pfade der Damenmode zu verlassen.


Dies ist eines meiner Lieblingsbilder von ihr – es zeigt sie in der Kleidung ihres ‘Boyfriends’.

Nun konnte eine Dame in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vielleicht  irgendwo im privaten Kreis bequeme Männerkleidung tragen, doch allgemein war eine solche Bekleidung nicht gesellschaftlich akzeptiert. Insofern erscheint es nur logisch, dass Chanel auf der Suche nach schlichter und angenehm zu tragender Kleidung für Frauen auf den Gedanken kam, Strickmaterialien zu verwenden.


Strickkleidung bedeutete nicht nur ein schlichteres Design, sondern auch schlichteres Material. Der Legende nach fing alles damit an, dass der französische Hersteller Rodier einige Ballen Jersey gekauft hatte, um daraus Sportkleidung zu fertigen, aber der Stoff verkaufte sich nicht. Chanel erwarb diese Ballen Jersey zu einem sehr günstigen Preis und machte daraus Kleider und Kostüme für Frauen. Und die verkauften sich nicht nur gut, sie markierten auch den Beginn einer der erfolgreichsten Karrieren im Modegeschäft.


Chanel, die Französin, schaffte es mit einem ihrer Modelle in eines der ersten Hefte des Australian Women’s Weekly — aber mindestens genaus interessant ist es, dass Chanel zum ersten Mal veröffentlichte in einem amerikanischen Magazin: Harpers Bazaar von 1916.

Selbst ihre einfachsten Modelle waren zeitlos und inspirierten mehrere Generationen.

Einen ganz anderen Stil als die schlichte, zeitlose Eleganz der frühen Chanel-Modelle verfolgte
Elsa Schiaparelli

Für mich war Chanel immer eine Modedesignerin, die kunstvoll Kleider entwarf.  Im Gegensatz dazu erscheint mir Elsa Schiaparelli als eine Künstlerin, die zufällig auch Mode machte.

Elsa Schiaparelli wurde in Rom geboren, kam aber schon als ganz junge Frau nach Pairs. Wo Chanel nach schlichten Linien suchte, gefielen Schiaparelli ausgefallene, ‘shocking’ Entwürfe. Zu ihren Freunden gehörte auch Salvatore Dalì — und einige ihrer Modelle lassen erahnen, wo sich die Vorstellungswelt dieser beiden Künstler berührte.

Mit Elsa Schiaparelli gibt es ein Interview darüber, wie man auch mit kleinem Einkommen zeitlos schick gekleidet sein kann.

Und so ein Satz aus dem Mund einer Frau, die Modelle wie diese entwarf – und das sehr erfolgreich. Hier das so genannte Skeleton-Dress:

Oder dieses

Und nicht zu vergessen der “Shoe-Hat”:

Für die Strickmode waren längerfristig vor allem zwei ihrer Entwürfe sehr bedeutsam und zukunftsweisend. Einmal die so genannte “Mad Cap”, hier getragen von Katherine Hepburn. Die “Mad Cap” war eigentlich eine gestrickte Röhre, die sich beliebig legen, biegen und falten und so in zahlreichen verschiedenen Formen tragen ließ.

Das zweite sehr populäre Strickdesign war der so genannte “Trompe l’oeil sweater”. Diese Art der Intarsienstrickerei kam sehr viel später noch einmal in einem großen Boom wieder, in den 1980er Jahren nämlich.



Beide, Chanel und auch Schiaparelli, erhielten einen Ruf nach Hollywood, um dort Filmkostüme zu entwerfen — aber keine von ihnen wurde dort sehr glücklich, es gelang ihnen nicht, sich mit der Filmarbeit zu arrangieren. Beide kehrten nach kurzer Zeit zurück nach Europa.

Fashion Shows – Modenschauen

Was Garnhersteller noch in hohem Maße verfeinert haben, um Strickmode und damit auch das Stricken noch populärer zu machen, das waren Modenschauen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Garnhersteller Coats & Clark.

Coats & Clark verkauften zuerst Baumwolle, ab 1936 dann auch Wolle. Die meisten Anleitungen, die Garnhersteller verbreiteten und empfahlen, waren Anleitungen für Kleider oder Kostüme, denn eine Strickerin brauchte zwei oder dreimal so viel Garn für ein Kleid mit einem langen, feinen Rock, wie es in den Dreißigern getragen wurde, als sie es für das Herstellen eines der kurzen, eng auf Figur sitzenden Pullover gebraucht hätte. So hat Coats damals neue Designs präsentiert – click here:

Außer Wolle und Baumwolle gab es in den 30er Jahren noch etwas Neues, Sensationelles und daher Topmodisches: Eine Kunstseide, die Rayon genannt wurde.

Rayon war schon im späteren 19. Jahrhundert entwickelt worden, doch bis es in die Massenproduktion ging, das dauerte noch etwas. 1905 produzierte die britische Seidenmanufaktur Samuel Courtauld & Company Rayon, 1911 begann mit der American Viscose Corporation die Herstellung auch in den Vereinigten Staaten. Rayon muss damals etwas Ähnliches gewesen sein wie unsere heutige Viskose – eine Mischung aus natürlichen und chemischen Bestandteilen: Teile der Baumwollpflanze wurden weiterverarbeitet und mit Kupfersalzen und Ammonium behandelt.

Rayon wurde damals als Kunstseide beworben, und so ähnlich muss es sich angefühlt und ausgesehen haben: Glatt, schimmernd … So weit ich es verstanden haben, funktioniert Rayon aber am besten, wenn es mit anderen Fasern vermischt und dann verarbeitet wird, denn es verträgt Wasser nicht gut — die Faser quillt auf und verliert die Form, so dass Geschichten aus den 30er Jahren überliefert sind, in denen die Trägerin eines aus Rayon gestrickten Pullovers oder Kleides durchaus Probleme bekommen konnte, wenn sie in einen Regenschauer geriet – und ihre Bekleidung lang und immer länger wurde ….

Es gab also Strickzeitschriften, namhafte Designer, Modenschauen und viele interessante neue Garne, die den Strick-Hype in den 30er Jahren befeuerten — doch die Garnhersteller taten noch mehr, um Käuferinnen zu gewinnen und zum Stricken zu animieren.

Schauspielerinnen und andere Stars und Sternchen wurden überredet, in der Öffentlichkeit zu stricken, Strickmode zu tragen — und sich dabei fotografieren zu lassen. Mode und Trends wurden damals nicht viel anders beeinflusst als heute: durch Filme, Medien, Schauspieler, Sportidole. Wenn also jemand Berühmtes sich in einem schönen gestrickten Pullover zeigte, konnte es keinen Zweifel mehr geben, dass Strickmode trendy war – und damit wollte jeder Strickmode haben und tragen. Ein paar Berühmtheiten, die sich strickend oder in Strick ablichten ließen, waren der deutsche Boxer Max Schmeling, die norwegische Eiskunstläuferin Sonja Henie, Ronald Reagan und seine damalige Ehefrau, die Schauspielerin Jane Wyamn, Rennfahrerin Elly Beinhorn, Ginger Rogers, Cary Grant …

Wir können also sagen, dass überall auf der Welt in den 1930er Jahren damit beschäftigt waren, Kleidung zu stricken — um modisch up-to-date zu sein, und das zu einem möglichst günstigen Preis, denn die Weltwirtschaftskrise war deutlich spürbar. Und die Strickindustrie war damit beschäftigt, die nötigen Materialien zur Verfügung zu stellen — Garne, Anleitungen, was immer gebraucht wurde.

Am Ende dieses Jahrzehnts bekamen alle diese engagierten und erfahrenen Strickerinnen noch weit mehr zu tun — und die Strickindustrie kam an ihre Grenzen in dem Bemühen, all das anbieten zu können, was gebraucht wurde.

Stay tuned 🙂

 

 

 

Strickjacken – und das Stricken in schwierigen Zeiten

Die Rückkehr zu den Dirndljacken brachte mich dazu, mich wieder mit der Mode der 30er und 40er Jahre zu beschäftigen – der Strickmode und dem Stricken in der Vorkriegszeit und den Kriegsjahren. Dazu habe ich vor zwei Jahren einen Vortrag gehalten beim Strickfestival auf der dänischen Insel Fanö. In diesem Vortrag habe ich versucht, das Phänomen ‘Stricken’ in den historischen Kontext der damaligen Zeit zu stellen – wer strickte damals, warum überhaupt – und natürlich: was wurde gestrickt. Da ich diesen Vortrag so vermutlich nie wieder halten werde, habe ich beschlossen, ihn hier häppchenweise zu veröffentlichen – und anders als die meisten anderen meiner Einträge wird dieser Vortrag auch auf Englisch abrufbar sein – das war die Sprache, in der er ursprünglich verfasst wurde. Wer mag, kann also in den nächsten Tagen und Wochen hier ein bisschen reinschnuppern in die Geschichte der Strickmode … stay tuned!