Kategorie: Allgemein

Vintage Fashion – Gianni Versace Retrospektive im Kronprinzenpalais Berlin

Vintage Mode, das ist ja nicht nur die Mode der 20er, 40er oder 60er Jahre, auch die 80er Jahre gehören dazu. Und nicht nur diejenigen unter uns, die damals schon bewusst dabei waren, wissen ganz genau, dass die 80er mit ihren Schulterpolstern und Tellerröcken nicht nur die 40er und 50er Jahre zitiert haben, sondern daneben und darüber hinaus auch einen ganz eigenen Stil entwickelten. Dazu gehört neben den schon erwähnten Schulterpolstern viel Schwarz gemischt mit Knallfarben, viel Grafik auf Stoff, viel Kantiges und Schroffes, luxuriöse Materialien, Glanz und Glitter. Nicht umsonst waren Fernsehserien wie “Dallas” oder “Dynasty” (“Der Denver-Clan”) damals auf der Hitliste der TV-Serien ganz weit oben angesiedelt.

Und natürlich gehören zur Mode der 80er Jahre die großen Designer, die diese Zeit geprägt haben. Jil Sander und Giorgio Armani (erinnert sich noch jemand an ‘American Gigolo’, mit dem Richard Gere groß rauskam? Armanis große Stunde …), die für edle, monochrome Stoffe und schlichte, elegante Linien standen. Und dann Gianni Versace, der die andere Seite des Spektrums bediente.

Wo Sander und Armani in Variationen von Beige, Taupe und Grau schwelgten und vermutlich noch ein paar Farbschattierungen in diesem Bereich dazu erschufen, bevorzugte Versace starke Kontraste: grellbunte Farben gegen Schwarz, fließende Seidenstoffe gegen festes Leder. Das war vielleicht die einzige Gemeinsamkeit der großen Modeschöpfer der 80er Jahre: Die Materialien. Edel mussten sie sein. Kaschmir, Seide, weiches Leder. Wo die Kollegen sich allerdings eher in vornehmer Zurückhaltung übten, ging Versace in die Vollen. Bunte Drucke auf seidenen Hemden (war er eigentlich der Erste, der so etwas wie Comics auf Hemden und Shirts abbildete?), wilde Kombinationen von Raubtiermustern und Floralem, dazwischen schottische Karomuster, die an Schuluniformen erinnern. Und immer wieder Leder: In Schwarz, geschnürt, mit Schnallen. Kontraste eben, das Bunte und das Dunkle, Überschwang und Dämpfung, Zartes und Hartes. Herausforderung pur. Ein Psychologe hätte sicher seine Freude daran.

In Berlin hatte Versace 1994 das erste Mal eine Ausstellung, zu einer Wiederholung kam es nicht, drei Jahre danach wurde er ermordet.  Jetzt, gut zehn Jahre nach seinem Tod, wird hier erneut seine Mode gezeigt, in einer Retrospektive mit Modellen aus den 80er und frühen 90er Jahren. Und wunderbarerweise habe ich es geschafft hinzugehen.

Faszinierend ist so ein Ausflug in die Modegeschichte immer, und selbst zu sehen, wie Stoffe, Farben und Schnitte bei einem Kleid, einem Anzug wirken, wenn sie direkt vor einem stehen, stellt einfach jede Abbildung in den Schatten. Anders als bei Jil Sander und Armani, deren Modelle – abgesehen von den Schnitten – irgendwie zeitlos wirken, scheint mir keiner so sehr die 80er und auch noch die frühen 90er Jahre zu repräsentieren wie eben Versace. Die Herrenhemden mit den überbreiten Schultern, den schmalen Taillen, die Designs, in denen sich Hermès-Tücher mit Hawaiihemden gepaart zu haben scheinen – genau so oder doch so ähnlich war es damals überall zu sehen. So zeigten es uns Madonna, Elton John und natürlich die Supermodels Claudia Schiffer, Naomi Campell und all ihre Kolleginnen. Im Fernsehen, im Kino, in den Zeitschriften, teilweise auch auf der Straße. Die 80er Jahre, das war Versace mit all dem Luxus, der grellen Buntheit, den harten Kontrasten. Und eben weil die Mode so typisch ist für jene Zeit, wirkt sie heute vielleicht so ‘dated’. Damals im Überfluss überall präsent, wurden die bunten Drucke und die gewagten Kombinationen vielfach kopiert, und eben deswegen entsteht vielleicht auch das Gefühl, das alles genau so schon einmal gesehen zu haben. Wenn nichts eine Epoche so eindeutig definiert wie die Mode, die zu der Zeit getragen wurde, dann definiert eben auch nichts so sehr die Mode, wie die Zeit, in der sie entstanden ist.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Die Retrospektive ist noch bis 13. April zu sehen im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3 in 10117 Berlin

The Marvelous Mrs. Maisel (Serientipp …)

Ich gebe zu, die Serie gibt es schon seit ein paar Tagen. Wochen. Monaten inzwischen. Aber ich musste sie mir erst einmal ganz ansehen. Und da ich dann unbedingt weiter sehen wollte, dauerte es etwas, bis die Zeit zum Schreiben da war. Aber jetzt:

New York, Upper West Side, in den 50er Jahren. Schick, elegant, wer weiblich ist und Geld hat, trägt Dior und Signalfarben, Handschuhe und Pfennigabsätze, und die haarspraygestählte Frisur hält, genau wie das Make-up, auch noch in der Nacht. Jedenfalls so lange, bis der Gatte auf der anderen Seite des Bettes fest schläft, dann schleicht sich die gut organisierte musterhafte Ehefrau nämlich unbemerkt ins Bad, schminkt sich ab und trägt die Nachtpflege auf, die – selbstredend – wieder durch perfektes Make-up ersetzt ist, ehe der Gatte sich nach dem Weckerklingeln den Schlaf aus den Augen gerieben hat.

Dass das bonbonbunte Seriensahnestückchen “The Marvelous Mrs. Maisel” mit Schein und Sein, mit der äußeren Fassade und dem brodelnden Inneren spielt, dürfte spätestens nach dieser Szene jedem klar sein. In den 50ern hatte man zwar die Schrecken des Kriegs vergessen machen wollen durch eine Organisation des Alltags, der bis ins letzte Detail makellos zu sein hatte, die Frauen, die im Krieg harte Arbeit geleistet hatten, wurden von der Pariser Haute Couture wieder in zarte Blüten verwandelt, deren Hauptaufgabe es zu sein schien, das Leben des Mannes zu schmücken, zu bereichern und zu erleichtern. Und mittendrin Miriam “Midge” Maisel. Tochter aus gutem Hause, verheiratet und Mutter zweier Kinder, stellt sie die Bilderbuchfrau der späten 50er Jahre dar: Stets gepflegt, elegant vom makellos perfekt frisierten Haar bis in die Spitzen ihrer hocheleganten Pumps, ein Bild wie aus dem Modemagazin. Doch die späten 50er Jahre lassen schon die aufbegehrenden 60er erahnen. Camus und Sartre hatten ihre epochalen Werke schon veröffentlicht, in den Jazzclubs trafen Existentialisten auf Beatniks. Dazu möchte auch Joel gehören, der Mann an Mrs. Maisels Seite. Tagsüber geht er in der Firma seines Vaters brav einem langweiligen Bürojob nach, abends versucht er sich in einem Kellerclub als Stand Up Comedian, begleitet, unterstützt und gecoacht natürlich von Midge. Doch dann platzt die Idylle: Joel hat eine Affäre mit seiner Sekretärin, und Midge? Midge betrinkt sich, fährt in den Club, in dem sie zahllose Male mit Joel gewesen ist und seine Auftritte beobachtet hat, will sich ihren Kummer und ihren Zorn von der Seele reden, stellt sich auf die Bühne, und – der Rest ist Geschichte, und darin kommen Applaus, nackte Brüste, eine Arrestzelle und die Aussicht auf eine völlig andere Art von Leben vor. Aber das geht natürlich nicht einfach so.

Die Frau hinter dieser Serie ist Amy Sherman-Palladino, aus deren Feder schon die Gilmore-Girls hervorgangen sind, und ein bisschen Lorelai steckt auch in Mrs. Maisel. Wie das Mutter-Tochter-Paar aus Connecticut lebt auch die Geschichte von Midge von Wortwitz, Timing und Tempo. Aber Mrs. Maisel ist es anzumerken, dass auch Amy Sherman-Palladino reifer geworden ist. Waren die Gilmore-Girls schlagfertig und optimistisch, kommt bei Midge Maisel zu dieser bewährten Mischung noch eine gehörige Portion Bissigkeit dazu.

Die Geschichte der “Marvelous Mrs. Maisel” spielt zwar im New York der 50er Jahre, und natürlich ist das ein “period movie” mit viel Liebe zum Detail in Ausstattung und Kostüm, ein Fest fürs Auge. Und natürlich sind viele Szenen überzogen, daraus bezieht die Serie einen großen Teil ihres Witzes. Trotzdem ist die Geschichte nicht in den 50ern verhaftet, sondern hält uns allen einen Spiegel vor. Hat sich wirklich so viel geändert in der Grundstruktur der Gesellschaft seit damals, abgesehen davon, dass wir keine Hüftmieder und Lockenwickler mehr tragen müssen? Ich war mir beim Anschauen zuweilen gar nicht so sicher. Das macht aber nichts. Ganz im Gegenteil.

Eine großartige Serie. Rachel Brosnahan als Mrs. Maisel (ich habe eine ganze Folge gebraucht, um in ihrem Gesicht das von Rachel aus “House of Cards” wiederzuerkennen) ist perfekt in dieser Rolle und hat mit Alex Borstein eine Partnerin, mit der sie in guter alter Screwball-Tradition blitzgescheites Wort-Pingpong spielen kann. Hoffentlich kann die zweite Staffel halten, was die erste versprochen hat. Keep your fingers crossed!

Seit dem 26. Januar gibt es Mrs. Maisel bei amazon auch in einer deutschen Synchronfassung zu sehen. Ich empfehle allerdings unbedingt das Original 🙂

 

 

Stricken in schwierigen Zeiten — die 1930er und 40er Jahre — Teil IV

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Wir waren stehengeblieben bei den Wegen, die die Garnhersteller einschlugen, um möglichst viele Kunden an sich zu binden …  (für die Vorgeschichte bitte Teil III nachlesen 😉 Danke!)

Designer:

Zur selben Zeit waren die ersten bedeutenden Designer für Strickmode auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. Sie haben Klassiker gefertigt, die heute noch beliebt und gefragt sind. Zum Beispiel der Pulli mit dazu passender Jacke, den Otto Weisz 1934 für das schottische Label Pringle entworfen hat, eine Kombination, die heute als Twinset bekannt ist. Vor allem in den 1950er Jahren und dann wieder in den 80ern war das Twinset häufig zu sehen, entworfen aber wurde es in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.

Leider ist über Otto Weisz so gut wie nichts mehr bekannt, die Zeit hat ihn quasi verschluckt. Andere Designer aus jener Zeit dagegen sind auch heute noch ein Begriff. Die bekannteste von allen war wohl

Gabrielle ‘Coco’ Chanel

Chanel
Über Gabrielle Chanel sind inzwischen einige Filme gedreht worden, und noch mehr Bücher sind über sie erschienen, trotzdem hier noch einmal ein paar der wichtigsten Daten, so weit es ihre Rolle als Strickdesignerin betrifft.

Chanel arbeitete als Näherin und hatte ein Geschäft für Hutmoden. Damit bewegte sie sich durchaus in einem für Frauen als angemessenen betrachteten Berufsbereich – aber Chanel wollte und konnte mehr. Sie war in mehr als einer Hinsicht bereit, die ausgetretenen Pfade der Damenmode zu verlassen.


Dies ist eines meiner Lieblingsbilder von ihr – es zeigt sie in der Kleidung ihres ‘Boyfriends’.

Nun konnte eine Dame in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vielleicht  irgendwo im privaten Kreis bequeme Männerkleidung tragen, doch allgemein war eine solche Bekleidung nicht gesellschaftlich akzeptiert. Insofern erscheint es nur logisch, dass Chanel auf der Suche nach schlichter und angenehm zu tragender Kleidung für Frauen auf den Gedanken kam, Strickmaterialien zu verwenden.


Strickkleidung bedeutete nicht nur ein schlichteres Design, sondern auch schlichteres Material. Der Legende nach fing alles damit an, dass der französische Hersteller Rodier einige Ballen Jersey gekauft hatte, um daraus Sportkleidung zu fertigen, aber der Stoff verkaufte sich nicht. Chanel erwarb diese Ballen Jersey zu einem sehr günstigen Preis und machte daraus Kleider und Kostüme für Frauen. Und die verkauften sich nicht nur gut, sie markierten auch den Beginn einer der erfolgreichsten Karrieren im Modegeschäft.


Chanel, die Französin, schaffte es mit einem ihrer Modelle in eines der ersten Hefte des Australian Women’s Weekly — aber mindestens genaus interessant ist es, dass Chanel zum ersten Mal veröffentlichte in einem amerikanischen Magazin: Harpers Bazaar von 1916.

Selbst ihre einfachsten Modelle waren zeitlos und inspirierten mehrere Generationen.

Einen ganz anderen Stil als die schlichte, zeitlose Eleganz der frühen Chanel-Modelle verfolgte
Elsa Schiaparelli

Für mich war Chanel immer eine Modedesignerin, die kunstvoll Kleider entwarf.  Im Gegensatz dazu erscheint mir Elsa Schiaparelli als eine Künstlerin, die zufällig auch Mode machte.

Elsa Schiaparelli wurde in Rom geboren, kam aber schon als ganz junge Frau nach Pairs. Wo Chanel nach schlichten Linien suchte, gefielen Schiaparelli ausgefallene, ‘shocking’ Entwürfe. Zu ihren Freunden gehörte auch Salvatore Dalì — und einige ihrer Modelle lassen erahnen, wo sich die Vorstellungswelt dieser beiden Künstler berührte.

Mit Elsa Schiaparelli gibt es ein Interview darüber, wie man auch mit kleinem Einkommen zeitlos schick gekleidet sein kann.

Und so ein Satz aus dem Mund einer Frau, die Modelle wie diese entwarf – und das sehr erfolgreich. Hier das so genannte Skeleton-Dress:

Oder dieses

Und nicht zu vergessen der “Shoe-Hat”:

Für die Strickmode waren längerfristig vor allem zwei ihrer Entwürfe sehr bedeutsam und zukunftsweisend. Einmal die so genannte “Mad Cap”, hier getragen von Katherine Hepburn. Die “Mad Cap” war eigentlich eine gestrickte Röhre, die sich beliebig legen, biegen und falten und so in zahlreichen verschiedenen Formen tragen ließ.

Das zweite sehr populäre Strickdesign war der so genannte “Trompe l’oeil sweater”. Diese Art der Intarsienstrickerei kam sehr viel später noch einmal in einem großen Boom wieder, in den 1980er Jahren nämlich.



Beide, Chanel und auch Schiaparelli, erhielten einen Ruf nach Hollywood, um dort Filmkostüme zu entwerfen — aber keine von ihnen wurde dort sehr glücklich, es gelang ihnen nicht, sich mit der Filmarbeit zu arrangieren. Beide kehrten nach kurzer Zeit zurück nach Europa.

Fashion Shows – Modenschauen

Was Garnhersteller noch in hohem Maße verfeinert haben, um Strickmode und damit auch das Stricken noch populärer zu machen, das waren Modenschauen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Garnhersteller Coats & Clark.

Coats & Clark verkauften zuerst Baumwolle, ab 1936 dann auch Wolle. Die meisten Anleitungen, die Garnhersteller verbreiteten und empfahlen, waren Anleitungen für Kleider oder Kostüme, denn eine Strickerin brauchte zwei oder dreimal so viel Garn für ein Kleid mit einem langen, feinen Rock, wie es in den Dreißigern getragen wurde, als sie es für das Herstellen eines der kurzen, eng auf Figur sitzenden Pullover gebraucht hätte. So hat Coats damals neue Designs präsentiert – click here:

Außer Wolle und Baumwolle gab es in den 30er Jahren noch etwas Neues, Sensationelles und daher Topmodisches: Eine Kunstseide, die Rayon genannt wurde.

Rayon war schon im späteren 19. Jahrhundert entwickelt worden, doch bis es in die Massenproduktion ging, das dauerte noch etwas. 1905 produzierte die britische Seidenmanufaktur Samuel Courtauld & Company Rayon, 1911 begann mit der American Viscose Corporation die Herstellung auch in den Vereinigten Staaten. Rayon muss damals etwas Ähnliches gewesen sein wie unsere heutige Viskose – eine Mischung aus natürlichen und chemischen Bestandteilen: Teile der Baumwollpflanze wurden weiterverarbeitet und mit Kupfersalzen und Ammonium behandelt.

Rayon wurde damals als Kunstseide beworben, und so ähnlich muss es sich angefühlt und ausgesehen haben: Glatt, schimmernd … So weit ich es verstanden haben, funktioniert Rayon aber am besten, wenn es mit anderen Fasern vermischt und dann verarbeitet wird, denn es verträgt Wasser nicht gut — die Faser quillt auf und verliert die Form, so dass Geschichten aus den 30er Jahren überliefert sind, in denen die Trägerin eines aus Rayon gestrickten Pullovers oder Kleides durchaus Probleme bekommen konnte, wenn sie in einen Regenschauer geriet – und ihre Bekleidung lang und immer länger wurde ….

Es gab also Strickzeitschriften, namhafte Designer, Modenschauen und viele interessante neue Garne, die den Strick-Hype in den 30er Jahren befeuerten — doch die Garnhersteller taten noch mehr, um Käuferinnen zu gewinnen und zum Stricken zu animieren.

Schauspielerinnen und andere Stars und Sternchen wurden überredet, in der Öffentlichkeit zu stricken, Strickmode zu tragen — und sich dabei fotografieren zu lassen. Mode und Trends wurden damals nicht viel anders beeinflusst als heute: durch Filme, Medien, Schauspieler, Sportidole. Wenn also jemand Berühmtes sich in einem schönen gestrickten Pullover zeigte, konnte es keinen Zweifel mehr geben, dass Strickmode trendy war – und damit wollte jeder Strickmode haben und tragen. Ein paar Berühmtheiten, die sich strickend oder in Strick ablichten ließen, waren der deutsche Boxer Max Schmeling, die norwegische Eiskunstläuferin Sonja Henie, Ronald Reagan und seine damalige Ehefrau, die Schauspielerin Jane Wyamn, Rennfahrerin Elly Beinhorn, Ginger Rogers, Cary Grant …

Wir können also sagen, dass überall auf der Welt in den 1930er Jahren damit beschäftigt waren, Kleidung zu stricken — um modisch up-to-date zu sein, und das zu einem möglichst günstigen Preis, denn die Weltwirtschaftskrise war deutlich spürbar. Und die Strickindustrie war damit beschäftigt, die nötigen Materialien zur Verfügung zu stellen — Garne, Anleitungen, was immer gebraucht wurde.

Am Ende dieses Jahrzehnts bekamen alle diese engagierten und erfahrenen Strickerinnen noch weit mehr zu tun — und die Strickindustrie kam an ihre Grenzen in dem Bemühen, all das anbieten zu können, was gebraucht wurde.

Stay tuned 🙂

 

 

 

Lesetipp: Ein Zwanziger-Jahre-Krimi – Emma Schumacher und der verschwundene Professor

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Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal einen Roman zum Lesen empfohlen habe, das muss schon eine ganze Weile her sein. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Laufe eines langen Lese-Lebens schon so viel gelesen habe, dass ich nicht mehr so schnell begeistert bin wie einst. Jedenfalls lese ich immer noch, aber hauptsächlich Sach- und Fachbücher, die – das muss ich vielleicht erklärend anfügen – für mich ebenso viel Unterhaltungswert haben können wie ein Roman, wenn mich das Thema interessiert. Und es gibt eben viele Themen, die mich interessieren …

Belletristik verlockt mich nur noch selten. Insofern war es ein glücklicher Umstand, dass ich  “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” von Andrea Instone überhaupt gelesen habe. Erstens, weil er eigentlich gar nicht meinem literarischen Beuteschema entspricht, denn ich dachte immer, ich wäre durch mit Kriminalromanen. Und zweitens, weil ich, nachdem ich einmal angefangen habe, ihn mit großem Vergnügen gelesen habe.

Worum geht’s?

Emma Schumacher, gerade zwanzig Jahre alt, führt in den 1920er Jahren seit dem frühen Tod ihrer Mutter in England ein behütetes, aber auch ein etwas langweiliges Leben bei ihrer Großmutter. Ihr Alltag besteht überwiegend darin, kleine Besorgungen zu erledigen und es gleichzeitig zu vermeiden, in die Spannungen zwischen der ebenso liebe- wie würdevollen Großmutter, der lebenslustigen Tante und deren Freunden zu geraten. Ihren Vater sieht sie selten.  Er lebt in Deutschland und geht als Professor  ganz in seiner Arbeit als  Ägyptologe an der Universität  Bonn  auf. Die innige Beziehung zwischen Vater und Tochter wird, abgesehen von Emmas jährlichen Besuchen, vor allem durch einen sehr persönlichen Briefwechsel aufrecht erhalten. Und so fällt es Emma sofort auf, als die Briefe ihres geliebten Vaters auf einmal etwas sonderbar erscheinen. Emma hegt den dringenden Verdacht, das da etwas nicht stimmt, nimmt ihren Mut zusammen und begibt sich ganz außerplanmäßig auf die Reise nach Bonn, wo sie, unterstützt von zwei Tanten, einem väterlichen Franzosen, einem charmanten Engländer und der Polizei, sich nicht nur plötzlich umschwärmt sieht von gleich mehreren interessanten jungen Männern, sondern auch hilft, kriminelle Machenschaften aufzuklären. Am Ende der Geschichte hat sie einen großen Schritt in ein selbstständiges, erwachsenes Leben getan, neue Menschen kennengelernt, und vor allem: ein bisschen besser sich selbst.

Andrea Instone hat in ihrem ersten Roman die Stimmung der Zwanziger Jahre gekonnt eingefangen – selbst im damals noch etwas provinziellen Bonn muss das eine bewegte Zeit gewesen sein: Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange vorbei,  der Kaiser hatte abgedankt, die Frauen trugen kurze Röcke und kurze Haare und gingen bezahlter Arbeit nach, die Menschen wollten das Leben wieder genießen, als ahnten sie, dass dieser frische Wind nicht lange anhalten würde. Aber so weit sind wir ja noch nicht …

Andrea ist Bonnerin und kennt sich ganz offenbar nicht nur in ihrer Geburtsstadt gut aus, das ist ihrem Roman anzumerken. Jeder, der ihren Blog “Michou (loves vintage)”  kennt, weiß, dass sie sich auch ausführlich mit der Mode der 20er, 30er und 40er Jahre beschäftigt hat und auch mit der Rolle der Frau, nicht nur zu jener Zeit.  Alles das trägt dazu bei, ihren ersten Roman zu einer dicht erzählten Geschichte zu machen, in der Lokalkolorit und Zeitkolorit auf das Angenehmste miteinander verschmelzen. Und sie kann schreiben. Das zeigt sich in einem ganz eigenen Stil – ein wenig der Zeit angepasst, in der die Geschichte spielt. Langsamer als in vielen anderen Romanen, die aktuell veröffentlicht werden, unaufgeregter wird die Geschichte entwickelt, deswegen aber nicht weniger spannend. Wer allerdings bei einem Krimi Thrilleratmosphäre und blutige Details sucht, kommt hier nicht unbedingt auf seine Kosten. “Emma Schumacher und der verschwundene Professor” spielt nicht nur in den 20er Jahren, er ist auch in Sprache und Erzählweise beeinflusst vom Tempo vergangener Zeiten. Mir gefällt das. Ich habe den Roman so gelesen, wie ich das früher auch mal gemacht habe – bei einer Tasse Tee, während der Arbeitspause am Nachmittag. Fast hatte ich vergessen, wie entspannend das sein kann.

Ich bin gespannt auf die nächsten Bände – und was in Bonn wohl so los gewesen ist in den späteren Zwanziger und den Dreißiger Jahren. Und wie Emma sich dabei schlägt. Ganz sicher werde ich mitlesen 😉

 

Porzellan aus Schlesien – der Zauber von Silesia (Teil 1)

“Eigentlich fing alles bei einer Tasse Kaffee an”  – das sollte mein erster Satz werden, aber so ganz passt es nicht. Es fing nämlich genau genommen nicht mit einer Tasse Kaffee, sondern mit einer Kaffeetasse an, oder, noch genauer – sogar mit zweien.

Bei einer meiner Touren durch die einschlägigen Läden und Märkte im Umland sah ich in einem der zahllosen  Regale mit zahllosen Dingen, von denen möglicherweise viele kein Mensch jemals mehr brauchen wird, zwei Tassen mit Untertassen stehen. Nun gibt es auf Flohmärkten und in Trödelläden Kaffee- und anderes Geschirr zu Hauf, manches ist nett, vieles – naja, und so ging ich erst einmal an den Tassen vorbei. Aber wie es mir schon ein paarmal ergangen ist, wenn mein Blick eigentlich nur oberflächlich über etwas hinhuschte – da war etwas, das mir aufgefallen sein muss, das mich ansprach und mich veranlasste, noch einmal zurück zu gehen und genauer hinzusehen.

Zwei Kaffeetassen. Wer gelegentlich durch Trödelläden und über Flohmärkte zieht, weiß: Es gibt unendlich viel Plunder und Ramsch. Aber ab und zu ist mal etwas richtig Schönes dabei – und ganz gelegentlich finde ich einen Schatz. Aber erst einmal – auf den ersten Blick zwei Kaffeetassen. Auf den zweiten Blick fiel mir das Dekor auf – das war nicht der typische 50er-Jahre-Stil, das war anders. Jugendstil? Art Deco? Art Deco auf dem Weg zum Jugendstil? Ganz sicher war ich nicht so bei schummeriger Beleuchtung, im Gedränge und in Eile. Die Marke konnte ich nicht zuordnen: Königszelt Silesia. Nie gehört. Mitgenommen habe ich die Tassen trotzdem.

Erst zu Hause auf dem Tisch fiel mir ihre ganze Schönheit auf, und nach ein paar Recherchen hatte ich die Marke erklären können und gelernt, dass meine Kaffeetassen aus der Zeit um 1900 und ein bisschen stammen, zwei Kriege überstanden hatten und eine Menge Wirrnisse und Aufregung. Zwei Tassen der Marke Königszelt Silesia wohnen seither in unserem Küchenschrank.

Und damit nahm eine Faszination ganz neuer Art ihren Anfang: Die für Schlesisches Porzellan.

Silesia – das berühmte “weiße Gold” aus Schlesien

Meissen, KPM, Nymphenburg – das sind die ganz großen Namen deutscher Porzellankunst. Allerdings blieben die Pretiosen aus deren Werkstätten für eine sehr lange Zeit königlichen und fürstlichen Tafeln vorbehalten. Porzellan wurde nämlich nicht nur ‘weißes Gold’ genannt, es war in der Tat Gold wert, spülte es doch wie im Falle der Königlich Preußischen Manufaktur KPM, die 1751 mit Unterstützung Friedrichs des Großen gegründet wurde, nicht nur Ruhm und Ehre, sondern neben Glanz auch bares Geld in die königlichen Kassen. Der König vergab die Konzession für die Herstellung der kostbaren Waren und beschränkte sich hier erst einmal auf die Königlich Preußische Manufaktur, die damit ein Monopol für die Herstellung von Porzellan besaß.  Erst als sich Preußen 1806 Napoleon geschlagen geben musste und sich nicht zuletzt deswegen gezwungen sah, 1810 eine ganze Reihe von Reformen zu verabschieden, wurde das anders. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt, und KPM verlor die Monopolstellung. Damit wurde es auf einmal möglich, Porzellan auch in anderen Gegenden herzustellen – unter anderem in Schlesien.

Schlesien, das liegt für uns heute weit entfernt. Es ist ein Teil Polens. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten aber weite Teile Schlesiens zu Preußen bzw. später zum Deutschen Reich. Von Berlin, dem damaligen Zentrum Deutschlands, liegt Schlesien gar nicht so weit weg. Die Entfernung zwischen Berlin und Breslau ist ungefähr so groß wie die zwischen Berlin und Bremen.  Aber das allein war natürlich kein Grund, ausgerechnet dort Porzellan herstellen zu wollen. Ausgedehnte Wälder, vor allem aber das Vorhandensein der für die Porzellanproduktion wichtigen Grundmaterialien, wie Feldspat und Quarz, begünstigten den raschen Aufbau einer Porzellanindustrie und das Entstehen der Porzellanregion Silesia. Porzellanregion? Genau. ‘Silesia’ ist durchaus eine Marke, aber es gab viele Manufakturen, die unter unterschiedlichen Namen bekannt wurden, alle aus derselben Region in Schlesien. Die ersten Werkstätten wurden 1820 gegründet, und anfangs entwickelte sich die Porzellanindustrie noch recht beschaulich. Gut dreißig Jahre später aber sah das ganz anders aus. 1855 arbeiteten 42,4 Prozent aller in Preußen in diesem Industriezweig Beschäftigten in Schlesien. KPM musste sich warm anziehen.

Allerdings bespielten die schlesischen Manufakturen zunächst noch einen ganz anderen Porzellanmarkt. Während KPM die uns noch heute bekannten prächtigen und repräsentativen Geschirre herstellte, mit dem Kaiser und Könige ihre Tafeln beluden, wurde in Schlesien anfangs vor allem so genanntes Gebrauchsgeschirr produziert, Porzellan also, dass sich auch weniger Wohlhabende durchaus leisten konnten. Diese Nische aber wurde schnell erweitert. Die schlesischen Fabriken begannen, Geschirr für Hotels herzustellen, und sicherten sich damit nicht nur einen recht stabilen Kundenkreis, sondern trugen auf diese Weise auch dazu bei, das Porzellan im 19. Jahrhundert bekannter zu machen, lagen die Hotels doch weit gestreut und erreichten viele Menschen.

Doch die schlesischen Werkstätten brachten viele kreative Geister hervor, die mehr wollten als das. Einzelne Manufakturen begannen daher bald, so genannte Waren des gehobenen Bedarfs herzustellen. Dazu gehörten Luxusgeschirre, Prunkvasen und Dekorationsgegenstände für anspruchsvolle Käufer — alles aus feinstem Porzellan natürlich.

Unternehmerischer Mut, der sich lohnen sollte, das zeigte sich bald. Damit begann eine Blütezeit des schlesischen Porzellans im Deutschen Kaiserreich, die erst einmal bis 1918 dauern sollte. Aber dies ist eine Geschichte, die es an anderer Stelle weiterzuerzählen gilt …

Stay tuned 😉

Die Tassen, mit denen alles begann

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Stricken in schwierigen Zeiten – die 1930er und 40er Jahre – Teil III

Wer strickte damals? Was? Und aus welchen Gründen?

Da müssen wir wieder etwas weiter vorn anfangen. Der erste Weltkrieg endete 1918, wenig mehr als zehn Jahre vor Beginn unserer Ära, die schon wieder eine Vorkriegs- und dann sogar eine Kriegszeit ist. Und dieser große Krieg zwischen 1914 und 1918 hat die Welt des Strickens in einer Weise beeinflusst, die kaum überschätzt werden kann.

Ein großer Teil der Frauen, die in den 1930er Jahren erwachsen waren, waren mindestens im Teenageralter während der Zeit des Ersten Weltkriegs, als Millionen von handgestrickten Dingen hergestellt wurden, teils aus patriotischen Gründen, weil Socken oder Handschuhe für die Soldaten an der Front eingefordert wurden. Teils aber auch, weil sie zu Hause gebraucht wurden, um an kalten Tagen warme Kleidungsstücke zu besitzen oder um modisch schick aussehen zu können, auch wenn die Mittel kriegsbedingt begrenzt waren.

Und modisch tat sich da einiges. Während des ersten Weltkriegs veränderte sich die Art, wie vor allem Frauen sich kleideten, ganz erheblich. Waren es zuerst noch Korsetts und Polsterungen unter vielen Schichten von Stoffen und Rüschen, die das Bild in Straßen und Salons bestimmten, war es spätestens zum Ende des Kriegs in üblich geworden, Kleidung zu tragen, die erheblich mehr Bewegungsspielraum ermöglichte. Natürlich auch zum Vergnügen, zum Spazierengehen, Radfahren oder Sporttreiben, aber auch, um einem Beruf nachzugehen und zu arbeiten. Die Männer, die an der Front waren, fehlten in den Betrieben und wurden schon damals durch Frauen ersetzt. Und auch wenn die Männer nach und nach ihre Plätze wieder einnahmen, als der Krieg vorbei war, gab es weiterhin viele berufstätige Frauen – nach dem Ersten Weltkrieg noch immer ein gesellschaftliches Novum, das einen ersten Höhepunkt in den 1920er Jahren erreichte.

Natürlich gab es auch damals schon vereinzelt Frauen in vergleichsweise gut bezahlten Berufen, Unternehmerinnen, Ärztinnen, aber vor allem arbeiteten die Frauen in den 1920er Jahren als Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Lehrerinnen, Krankenschwestern. Das bedeutete, dass viele von ihnen sich jeden Tag gut gekleidet auf den Weg zur Arbeit machen mussten, für ihre Garderobe aber nicht viel Geld ausgeben konnten. Das ist einer der Gründe, warum Kleider, die lange Zeit sehr populärer Bestandteil der Damengarderobe waren, allmälhich an Beliebtheit verloren: Es war ganz schlicht wesentlich leichter, jeden Tag modisch, gepflegt und schick auszusehen in Rock und Pullover, die immer neu kombiniert werden konnten. Pullover begannen so in den 1920er Jahren, immer beliebter zu werden. Und natürlich waren sie handgestrickt — von der jungen Verkäuferin, der Sekretärin, oder von der fürsorglichen Mama.

Was wurde noch gestrickt?

Stricken hatte natürlich auch damals schon eine lange Tradition.  Bis zur Zeit des ersten Weltkriegs wurden Accessoires gestrickt, Unterkleidung oder vereinzelt auch schon mal etwas Bequemes für Zuhause. Gestrickte Oberbekleidung war noch etwas relativ Neues …

Wir haben schon gesehen, dass es ziemlich viele gestrickte Pullover und Jacken gab mit vielen schönen Mustern – und auch die Anleitungen dafür. Was außerdem gestrickt wurde, war Sportkleidung. Tennispullis oder solche für Golf hatten in Form, Farbe und Stil einen großen Einfluss auch auf die Mode, die nicht zum Sport, sondern einfach im Alltag getragen wurde. Gestrickt wurden übrigens auch Badeanzüge:

– beim Anblick dieser vergleichsweise braven Modelle dürfen wir nicht vergessen, dass dieser figurbetonte Stil noch neu war und als recht gewagt galt. Es gab in vielen Gegenden Gesetze, wie viel Haut am Strand gezeigt werden durfte und wieviel bedeckt sein musste.

Dann gab es auch gestrickte Unterwäsche. Da der Modestil der 1930er Jahre sehr figurbetont war, wurde die Unterkleidung aus sehr feinem Garn gearbeitet und saß sehr eng am Körper.

Menschen trugen damals sehr viel mehr ‘Schichten’ an Unterkleidung als wir das heute tun – es gab Unterhemden, Leibchen, Mieder, Unterkleider — sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Einer der Gründe lag darin, dass es weitaus schwieriger war, Räume zu beheizen, als das heute der Fall ist. Ein anderer war, dass das Waschen von Wäsche in Waschküche und Kessel weitaus mehr Arbeit bedeutete als heute, und viele Fasern konnten nicht einfach so gewaschen werden. Unterwäsche war also da, um warmzuhalten, aber auch, um die Oberbekleidung vor Schweiß und Gerüchen zu schützen.

Diese Anzeige fand ich zufällig noch:

   

Unterwäsche aus Shetland-Wolle. Nur zur Veranschaulichung …

Kinderkleidung wurde natürlich häufig gestrickt — Kinder wachsen ja so schnell …

Aber es wurde nicht nur für die Familie und damit für den Eigenbedarf gestrickt. Es gab auch Frauen, die sich und ihren Lieben ein zusätzliches Einkommen verschafften, indem sie für Geschäfte strickten.

Bisher hat sich in diesem Artikel das meiste um Mode und um Strickmodelle der Vorkriegszeit gedreht — Pullover, Sportkleidung, Wäsche. Aber um all diese Strickerinnen während der 1930er Jahre mit Material zu versorgen, brauchte es die Strickindustrie — und das waren vor allem die Hersteller von Strickgarnen.

Die Strickindustrie

Bisher hat sich — hoffentlich! — gezeigt, dass in den 1930er Jahren viel gestrickt wurde, von vielen erfahrenen Strickerinnen (und vereinzelten Strickern). Die Strickindustrie, zu der vor allem die Hersteller von Wolle und Garnen gehörten, bemerkte das wohl und versuchte, das Beste daraus zu machen, den Markt anzuheizen und damit möglichst gewinnbringend zu arbeiten. Dazu wurden im Wesentlichen 4 ganz unterschiedliche Mittel eingesetzt.

  • 1. Zeitschriften
  • 2. Designer
  • 3. Modeschauen
  • 4. Garne

Die Zeitschriften:

Die 1930er Jahre waren die große Zeit der Magazine und Zeitschriften, und das ist ein großes Glück für uns, die wir neugierig sind und uns mit dieser Zeit beschäftigen wollen. Noch besser ist es, das viele dieser Zeitschriften diese lange Zeit überlebt haben.

Diejenigen unter euch, die Strickanleitungen früherer Zeiten sammeln, wissen vermutlich, dass Anleitungen aus der Zeit nach dem Krieg noch recht häufig zu finden sind, es aber schon weitaus schwieriger ist, Strickhefte aus der Vorkriegszeit zu finden. Papier reagiert nicht gut auf Feuchtigkeit und schon gar nicht auf Feuer, und was nicht während des Krieges vernichtet wurde, fand später oft als Brennmaterial Verwendung, wurde von Mäusen gefressen oder einfach weggeworfen.

Was sich oben auf dem Bild mit den Magazinen recht gut erkennen lässt — ich habe hier Zeitschriften aus aller Welt benutzt, um nach Strickthemen oder Mustern zu suchen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe:

  1. Die Zeitschriften aus Europa, den USA oder Australien unterscheiden sich nicht wesentlich in ihrem Inhalt und ihrer Struktur, daher sind sie absolut vergleichbar. Was in Großbritannien modisch und schick war, fand sich auch in australischen Zeitschriften, und wenn auch damals der Unterschied in den Zeitzonen und im Klima vielleicht eine Rolle gespielt haben mag – in einem Zeitabstand von mehr als 80 Jahren ist das egal.
  2. Verfügbarkeit spielt eine entscheidende Rolle. ‘Australian Women’s Weekly’ zum Beispiel ist beinahe vollständig archiviert, und dieses Archiv steht online zur Verfügung.

Zurück zu den Zeitschriften: in den 1930er Jahre boomte der Zeitschriftenmarkt. ‘Vogue Knitting’ zum Beispiel wurde 1932 gestartet, und die oben gezeigten Cover von Australian Women’s Weekly, Petite Echo de la Mode und Monarch aus den USA sind nur einige der Magazine, die in jener Zeit ganz neu herauskamen. Sie kamen gerade rechtzeitig, um neue Modetrends und den gerade aktuellen Stil bekannter zu machen — und die Strickerinnen zu ermutigen, die neuesten Pullover für sich und ihre Familie zu fertigen.

All diese Magazine folgten mit ihrem Erscheinen nicht nur dem Trend, dass Stricken schick war und dass die Strickerinnen nach neuen Anleitungen und Mustern verlangten. Es gab auch noch eine andere Seite — nämlich eine Garnindustrie, die um ihr Überleben kämpfte in einer Zeit, in der niemand sein Geld leichtfertig ausgab. Immerhin befinden wir uns zu Beginn der 1930er Jahre noch immer mitten in der großen Depression oder nur kurz danach. Zeitschriften wie die oben gezeigten wurden entwickelt, weil es genügend Leserinnen gab, und weil die Garnhersteller diese Leserinnen irgendwo ‘treffen’ mussten, um weiterhin so erfolgreich produzieren zu können, wie sie es beim ersten großen Strickboom während des Ersten Weltkriegs und in der Zeit danach getan hatten.

Es wurde weiter oben schon ein paarmal erwähnt: Gestrickte Kleidung, also Oberbekleidung wie Pullover oder gar Kleider, erlebten einen ersten Boom während des Ersten Weltkrieges und dann noch einen weiteren in den 1920er Jahren. Das wurde im angloamerikanischen Raum ‘The Knitting Craze’ genannt — der Strickwahnsinn, die Strickverrückten … Dieser Trend verlor Ende der 1920er Jahre während der so genannten ‘Golden Twenties’ etwas an Fahrt. Aber der große Börsenkrach 1929 veranlasste dann Strickerinnen auf der ganzen Welt dazu, wieder zu den Nadeln zu greifen: Es wurde ganz einfach Kleidung gebraucht — preiswert, modisch, strapazierfähig. Stricken war dabei eine Tätigkeit, die recht einfach auszuüben war. Keine Maschinen waren nötig, es brauchte nicht viel Platz in einer vielleicht nur kleinen Wohnung, und wo auch immer man hinging, das Strickzeug ließ sich mitnehmen. Selbst als die Wirtschaft weltweit auf dem Tiefpunkt angelangt war, um 1931 herum — alle Industrie, die mit Stricken zu tun hatte, blühte.

Das ‘Patriot Knitting’ während des Ersten Weltkriegs hatte die Strickindustrie groß gemacht, während des so genannten ‘Knitting Craze’ in den 20er Jahren wuchs das Geschäft weiter, und man war fest entschlossen, auch die Weltwirtschaftskrise und die Zeit danach erfolgreich zu überstehen. Zeitschriften waren dafür ein wichtiges Medium.

Eine der interessantesten Zeitschriften ist Australian Women’s Weekly. Das erste Heft erschien 1933, und es war sofort ein Hit, innerhalb weniger Jahre erschien die Zeitschrift mit einer Auflage von einer halben Million, und wir können davon ausgehen, dass es diese Zeitschrift in fast jedem Haushalt Australiens gab — gekauft, dann weiterverliehen an Mütter, Töchter, die beste Freundin, die Nachbarin, auch in Bibliotheken gab es sie.

All diese Zeitschriften beschrieben die vielen kleinen Dinge des Lebens, die wir heute noch in Magazinen lesen. Es darf ja nicht vergessen werden, dass die 1930er Jahre mit der Weltwirtschaftskrise begannen und mit einem schrecklichen Krieg endeten, dass dazwischen aber ein Alltag stattfand. Menschen heirateten, bekamen Kinder, lasen Bücher von Margaret Mitchell oder William Faulkner, hörten die Musik von Glenn Miller, sahen Filme mit Claudette Colbert oder Cary Grant und gingen überall auf der Welt zum Sport.

All diese Dinge wurden in vielen dieser Magazine beschrieben und von zahllosen Menschen gelesen. Hier präsent zu sein, war wichtig.

Ähnlich übrigens die Berliner Illustrirte Zeitung – hier mit dem großen Abend in der deutschen Botschaft …

Es ist sicher aufgefallen: Keine dieser Zeitschriften ist explizit eine Strickzeitschrift. Aber zwischen all diesen kleinen und großen Meldungen sehen wir Anzeigen und Modelle, die mit Strick zu tun haben — ganz offensichtlich interessierte das die Leserinnen dieser Magazine, und die Garnhersteller fanden hier ihre Kundinnen.

 

 

Vor Fernsehen und Internet war eine populäre Zeitschrift  d a s   Medium schlechthin. Stricken war populär in den 1930er Jahren, und die Macher dieser Magazine wussten, wie sie ihre Leser ansprechen und die Strickinteressierten mit der Garnindustrie zusammenbringen konnten.

Weiter geht es demnächst mit Teil IV, den Anfang wird dann die Rolle der Designer machen – stay tuned 😉